Kurdistan gedenkt den Opfern des Anfal-Genozids

Hochrangige Beamte der Region Kurdistan überbrachten am Donnerstag separate Botschaften zum Gedenken an den 33. Jahrestag der schrecklichen chemischen Angriffe auf die Gebiete der autonomen kurdischen Region.

„Am 16. April 1987 begannen die Gasangriffe des Ba'ath-Regimes auf das Balisan-Tal, Scheich Wasanan und andere Dörfer. Dies war eine lange und mörderische Kampagne gegen Kurdistan. Hunderte starben", schrieb der Premierminister der Regionalregierung Kurdistans, Masrour Barzani, auf Twitter.
Der Premierminister betonte auch, dass die KRG weiterhin den stolzen Familien der Märtyrer in der Region Kurdistan dienen werde. Während des Chemieangriffs vom 16. April 1987 "erlitten Tausende schreckliche Verletzungen. Viele Überlebende haben sich nie vollständig erholt. Wir ehren sie alle.", fügte der Premierminister hinzu.

Auch der Präsident der Region Kurdistan, Nechirvan Barzani, erinnerte in einer Nachricht auf Twitter an die Angriffe. "Heute ist der 33. Jahrestag des Beginns der chemischen Angriffe des Baath-Regimes gegen die Zivilbevölkerung in Kurdistan.", schrieb Präsident Barzani. "Wir gedenken und grüßen die Opfer der Anschläge vom 16. April 1987 in Scheich Wasanan und im Balisan-Tal. Sie werden für immer in den Herzen des kurdischen Volkes bleiben".

Zwischen 1986 und 1989 führte das irakische Ba'ath-Regime unter der Bezeichnung "Anfal-Operation" eine Reihe von Angriffen auf die kurdische Bevölkerung und andere Minderheiten wie Assyrer, Aramäer und Chaldäer in den ländlichen Regionen des Nordiraks (Kurdistan) durch. Anfal bedeutet "Beute" und bezieht sich auf die achte Sure des Korans, die eine strategische Kriegshandlung gegen Ungläubige beschreibt. Die Operation gipfelte 1988. Innerhalb von nur sechs Monaten wurden etwa 182.000 Menschen getötet, Millionen verletzt, vertrieben und dem Hungertod und der mangelnden Versorgung in Konzentrationslagern überlassen. Mehrere Mädchen und Frauen wurden in andere Länder deportiert, mehr als 4.000 Dörfer, 1.800 Schulen, 300 Krankenhäuser, 3.000 Moscheen und 27 Kirchen wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Seit 2004 ist der 14. April in Südkurdistan ein gesetzlicher Tag zum Gedenken an die Opfer der völkermörderischen Anfal-Operation. In einem aus diesem Anlass veröffentlichten Bericht warnt die Demokratische Partei (HDP) davor, dass internationales Schweigen und globale Ignoranz immer den Weg für Völkermorde wie diesen ebnen, und fordert, dass alle Verantwortlichen für die Anfal-Operation vor Gericht gestellt werden. Ali Hassan al-Majid ("Ali Chemicali"), ein Cousin von Saddam Hussein, wurde 2007 in einem Völkermordprozess wegen seiner Rolle bei der Anfal-Operation und dem als solcher anerkannten Völkermord zum Tode verurteilt, aber viele Komplizen wurden nicht strafrechtlich verfolgt. “Genau aus diesem Grund ist Anfal immer noch eine blutende Wunde", erklärt die HDP.

"Die Haltung der Welt war bei vielen Völkermorden im 20. Jahrhundert die gleiche: Zuerst herrschte Schweigen, dann großes Vergessen. Auf diese Weise ebnete die Welt den Weg für weitere Völkermorde, für die sie somit verantwortlich ist. An diesem Tag des Gedenkens an Anfal verurteilen wir erneut den Völkermord und verneigen uns mit tiefem Respekt vor den Opfern. Wir teilen den Schmerz ihrer Angehörigen aus tiefstem Herzen und rufen die Welt auf, über Völkermorde nicht zu schweigen, damit Verbrechen wie die Anfal-Operation oder der Giftgasangriff auf Halabja nicht vergessen oder wiederholt werden".



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16. Mai 1997 - Das Massaker von Hewler

In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1997 ist das türkische Militär mit 200.000 Soldaten und 10.000 „Dorfschützern“ - unterstützt von Kampfflugzeugen und Artillerie - in Südkurdistan (Nordirak) einmarschiert. Das türkische Militär und die damalige türkische Koalitionsregierung von Wohlfahrtspartei (türk. Refah Partisi) und Partei des Rechten Weges (türk. Doğru Yol Partisi) bezeichneten diese Operation als die größte Militäroperation, die in die türkische Geschichte einging. Diese Militäroperation war bis zu diesem Tag gleichzeitig auch der 19. Einmarsch des türkischen Militärs in Südkurdistan.

Bereits im Vorfeld des Einmarsches wurden die Grenzgebiete zum Irak und Iran flächendeckend bombardiert, wobei zahlreiche Dörfer in den Gebieten Haftanin, Sinath, Derkar, Gare u.a. zerstört wurden, sodass tausende BewohnerInnen flüchten mussten.
Vor Beginn des Einmarsches gaben die südkurdischen Parteien, die Patriotische Union Kurdistans (PUK) und die Demokratische Partei Kurdistans (KDP), durch ihre Medien bekannt, dass sie sich bei den Operationen gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nicht auf die Seite des türkischen Staates stellen und sich aus den Gefechten raushalten werden. Sie erklärten, dass sie nie wieder ihre Waffen gegen eine andere kurdische Organisation erheben werden. Das kurdische Volk forderte ein Ende des Brudermordes (Birakûjî) und rief zu einer Einheit auf.

Doch die KDP hielt ihr Wort nicht und beteiligte sich aktiv an der sogenannten „Hammer-Operation“ des türkischen Militärs gegen die PKK. Die Teilnahme der KDP beschränkte sich nicht nur auf die Gefechte, sondern griff über auf die Städte in Südkurdistan. So wurde am zweiten Tag der Invasion, am 16. Mai 1997 ein Krankenhaus des Kurdischen Roten Halbmondes namens „Stiftung für das Leben und den Aufbau Kurdistans“ (kurd. Dezgay Jiyan û Awedan, DJAK) für Verletzte der PKK und viele andere Einrichtungen der PKK-nahen Organisationen, wie z.B. Parteibüros der YNDK (Nationaldemokratische Einheit Kurdistans), der YAJK (Verband der Freiheit der Frauen Kurdistan), das Mesopotamia Kulturzentrum, das Büro der Zeitung Welat (Heimat) und Welatê Roj (Die Heimat der Sonne) in der Stadt Hewler von schwerbewaffneten KDP-Milizen überfallen. Alleine im Krankenhaus für Verletzte der PKK ermordete die KDP 62 verletzte und kranke PKK-KämpferInnen. Insgesamt haben KDP-Milizen 83 PKK-Mitglieder ermordet.

Dieses schwarze Ereignis ging in die kurdische Geschichte als „das Massaker von Hewler“ ein. Das Lied „Hewlêr“ von Hozan Serhad - einer der populärsten Künstler der kurdischen Guerilla-Musik - ist an das Massaker vom 16. Mai 1997 in Hewler gewidmet.

Ein Beitrag von Ismail Zagros
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