WHO verantwortlich für Coronavirus-Ausbruch in Rojava?

Die Autonome Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien hat in einem Statement die World-Health-Organisation beschuldigt, den Coronavirus Ausbruch in Syrien verschleiert zu haben und damit womöglich eine Kettenreaktion von Infektionen ausgelöst zu haben.

• Am 22.3.2020 ist ein 53-jähriger Mann erkrankt und wurde daraufhin fünf Tage später auf den Covid-19 Erreger in Damaskus getestet
• Das Resultat zeigte der Mann ist am Coronavirus erkrankt, am 02. April verstarb er
• Die World Health Organisation hat diesen Todesfall verschleiert


Ein 53-jähriger Mann aus Hassakeh ist am 22. März mit dem Covid-19 Erreger infiziert worden. Seine Probe konnte erst fünf Tage später in Damaskus getestet werden, woraufhin er in ein Krankenhaus nahe Qamishlo verlegt wurde. Das Testergebnis war positiv und der Mann ist kurze Zeit später am 02.April an der Krankheit verstorben.
Die syrische Regierung und die WHO räumten erst am 18. April 2020 ein, dass der Mann am Covid-19 Erregerstamm verstorben sei.

Die WHO leitet und koordiniert alle Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus in Syrien. Sie erfasst Daten, führt Tests durch und leitet die Krankenhäuser bei den Maßnahmen zur Behandlung einer infizierten Person.
Die Organisation wusste bereits am 28. März zweifellos, dass der Mann am Coronavirus erkrankt ist, teilte dies aber niemanden mit.

Resultierend aus dieser Verschleierung hatten die zuständigen Behörden in der Autonomen Selbstverwaltung in Hassakeh nicht die Möglichkeit, die Kontaktpersonen des erkrankten Mannes zu isolieren, um einen Massenausbruch des Erregers zu verhindern.
Es ist davon auszugehen, dass von diesem Mann und seinen Familienangehörigen (im engen Kontakt mit ihm) dutzende Weitere Menschen infiziert wurden.

In einer Erklärung heißt es: „Wir, die Gesundheitsbehörde [der Autonome Selbstverwaltung], beschuldigen die World Health Organisation für den Ausbruch und die Existenz des Coronavirus in unserer Bevölkerung, weil sie den Ausbruch verschleiert haben und keine zuständige Behörde informiert haben“.
Die Autonome Selbstverwaltung kann derzeit keine Auskunft darüber geben ob und wie viele Menschen an dem Coronavirus erkrankt sind. Es ist unklar was die Intention der WHO hinter der Verschleierung war. Ob dahinter eine böswillige Absicht oder das Versagen der Institution steckt, ist ungeklärt. Auch ist unklar, ob das Assad-Regime informiert wurde.



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Syrische Regierung provoziert Corona-Fälle in Rojava

Seit Beginn der Corona-Pandemie, versucht die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien mit neuen Reglementierungen dem Virus entgegenzuwirken. Die Arbeit der Selbstverwaltung von Rojava wird unterdessen von türkischer und syrischer Seite stark blockiert und gezielt unterbunden.

In einer aktuellen Erklärung des Gesundheitskomitees der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien heißt es, dass die syrische Regierung jegliche Präventionsmaßnahmen gegen Covid-19 sabotieren und Rojava trotz der erstarkten Kalamität unnötig belasten. Zudem heißt es vom Gesundheitskomitee, dass die syrische Regierung Rojava vor allem durch den Flughafen in Qamişlo, welcher nicht zum Geltungsbereich der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) gehört, gefährdet. Demnach würde man geltende Bestimmung für Hygiene und Kontrolle ignorieren und Personen aus besonders stark betroffenen Regionen ohne weiteres einreisen lassen. Dabei umgeht die dortige syrische Vertretung gezielt die dafür eingerichteten Gesundheitskontrollen unweit des Flughafens, in dem sie die Einreisenden über syrisches Geltungsbereich unkontrolliert in Rojava eintreten lassen. Außerdem verzichten die syrischen Zuständigen des Flughafens vollständig auf Absprache und Kommunikation mit der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien.

Laut dem Ko-Vorsitzende des Gesundheitskomitees von Nord- und Ostsyrien, Dr. Ciwan Mustafa, wurde in der Wüstenregion Şehba ein gesamtes Dorf wegen Corona-Verdacht unter Quarantäne gesetzt. Grund dafür sei ein syrischer Soldat und der schlampige Umgang der syrischen Regierung mit der Corona-Pandemie. Demnach war der Wehrpflichtige der syrischen Armee trotz Corona-Symptomen über mehrere Tage hinweg als Soldat tätig. Dr. Ciwan Mustafa kritisiert dabei vor allem, dass die syrischen Zuständigen den erkrankten Soldaten nicht unter Quarantäne gestellt haben. Nach Ableistung seines Militärdienstes wurde der Erkrankte nach Hause in das Dorf Um al-Hoş geschickt und schließlich in ein Krankenhaus in Aleppo eingeliefert. Derweil ist das Dorf Um al-Hoş vollständig von der Außenwelt abgeschottet.

Die Situation in Şehba ist besonders kompliziert und gefährlich. Aufgrund der völkerrechtswidrigen türkischen Invasion gegen das kurdische Kanton Efrîn, entwickelte sich die Wüstenregion zum Hotspot für Geflüchtete. Seither herrscht dort permanenter Ausnahmezustand. Grund dafür ist die besonders strategische Lage von Şehba und der von Şehba ausgehende kurdische Widerstand gegen die türkischen Besatzer und ihre dschihadistischen Milizen. Die Dörfer der Region sind deshalb regelmäßiges Ziel türkischer Angriffe. Der UN-Generalsekretär António Guterres hatte am 23. März zu einem globalen Waffenstillstand aufgerufen. Die kurdischen Streitkräfte der Afrin Liberation Forces (HRE) und die Kräfte der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) sind dem Appell gefolgt und haben alle Kampfhandlungen mit sofortiger Wirkung pausiert. Die Angriffe der türkisch-islamistischen Milizen gehen dennoch ununterbrochen weiter. So berichtet der SDF-Kommandant Majed Fayyad al-Shibli, dass die türkischen Besatzer den Waffenstillstand und die Corona-Krise ausnutzen, um ihre Besatzungszone auszuweiten. Aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen der Türkei gegen die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien, ist die Region Şehba daher besonders gefährdet für Corona-Fälle. Doch auch das syrische Embargo gegen die Region erschwert die Situationen erheblich. Şehba wird von der syrischen Regierung stark sanktioniert, weshalb es bereits vor der Corona-Pandemie an Essen und Medizin gefehlt hat. Somit erweist sich die jetzige Situation als besonders kritisch, zumal es sowohl kaum medizinisches Personal gibt, geschweige überhaupt einen gültigen Corona-Test. Da Spenden und Dienstleistungen von Hilfsorganisationen durch türkische und syrische Seite vollständig verhindert werden, hat die dortige Verwaltung mit dem Bau einer zusätzlichen Intensivstation für Corona-Fälle begonnen. Diese hat 21 Behandlungszimmer und soll bereits in zehn Tagen einsatzbereit sein.



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Rojava verlängert Ausgangssperre gegen Corona-Pandemie

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien versucht seit Ausbruch der Corona-Pandemie eine Ausbreitung zu verhindern. Zu den Maßnahmen gehören Ausgangssperren und neue Reglementierungen für Beruf und Alltag.

In erster Linie hat das syrische Regime den Geltungsbereich der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) sanktioniert. Zudem greifen die türkischen Besatzungskräfte weiterhin das Umland von Girê Xurma (Til Temir), Bozanî (Ain Issa) und der Wüstenregion Sheba an. Spenden und humanitäre Dienstleistungen werden darüber hinaus von beiden Seiten blockiert, weshalb es bisher keine Covid-19 Testmöglichkeiten in Rojava gibt. Die Anfrage der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien, genommene Proben in Damaskus testen zu lassen, ignorierten die Zuständigen der syrischen Regierung. Derweil gibt es daher keinen bestätigten Corona-Fall in Rojava.

Nichtsdestotrotz hat die Verwaltung von Rojava eine Ausgangssperre verhängt und den Betrieb von Geschäften auf das mindeste beschränkt. Die Ausgangssperre gilt seit dem 23. März und wurde gestern von der Selbstverwaltung um weitere zwei Wochen verlängert. Die Beschränkungen gelten also voraussichtlich bis zum 21. April, wobei erneute Verlängerungen der Alltagsbeschränkungen zu erwarten sind.

Die schwierige Lage in Rojava nahm vor allem in den letzten Tagen deutlich zu. So berichten Zuständige vor Ort, aber auch unzählige Medien wie zum Beispiel Deutsche Welle und Focus, dass die türkisch-islamistischen Milizen das wichtigste Wasserwerk der gesamten Region abgeschaltet haben. Vor allem war die Stadt und das Umland von Hesîçe (al-Hasaka) mit etwa 1.2 Millionen Menschen betroffen. Dadurch hatte nicht nur die normale Bevölkerung über 16 Tage hinweg keinen regelmäßigen Zugang zu Wasser, sondern auch Gefängnisse, Flüchtlingscamps und auch das Hauptquarantäne-Krankenhaus für Covid-19 in Nordost-Syrien. Die türkisch-islamistischen Milizen stehen unter direktem Befehl der türkischen Republik und leben Seite an Seite mit türkischen Soldaten in den zuvor besetzten Gebieten von Rojava. Erst durch den Druck nicht-kurdischer Akteure, war es Ingenieure der kurdischen Selbstverwaltung erlaubt, nach 16 Tagen die zerstörte Pipeline zu besichtigt und den Durchfluss wiederherzustellen. Daraufhin gab die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien bekannt, dass von nun an Wasser und Strom mit sofortiger Wirkung kostenlos für jeden Haushalt in Rojava ist. Damit soll die Bevölkerung entlastet werden, die durch die Beschränkungen der Geschäfte wegen der Corona-Pandemie in Bredouille ist.



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41 neue Infektionsfälle in Südkurdistan bestätigt

Das Gesundheitsministerium der Region Kurdistan gab am Montag in Hewler (Erbil) 41 neue Fälle des Coronavirus bekannt.

"Heute haben wir 41 neue Fälle des Coronavirus in der Stadt Erbil registriert, die aus 17 Frauen, 15 Männern und 9 Kindern unterschiedlichen Alters bestehen.", hieß es in einer Erklärung des Gesundheitsministeriums. Zwei Fälle wurden im Bezirk Soran, drei im Bezirk Sidakan, einer im Dorf Halja Bchook und die anderen 35 Fälle in neun Stadtteilen im Zentrum von Hewler (Erbil) registriert.

Nach Angaben des Ministeriums handelte es sich bei den meisten neu infizierten Fällen um Menschen, die mit anderen in Kontakt standen, die an einer Beerdigung in Erbils Karizan-Viertel teilnahmen. Zwei der Infizierten seien zuvor außerhalb der Region Kurdistan gereist.
Am Sonntag gab das Gesundheitsministerium der Region Kurdistan 18 neue Fälle von Covid-19 Infizierten in der Stadt Hewler bekannt.

An anderer Stelle beschloss das Innenministerium der Region Kurdistan am Montag, eine Ausgangssperre zu verlängern, bis neue Entscheidungen getroffen werden.

Am Freitag kündigte das Innenministerium eine weitere Verschärfung der regionweiten Ausgangssperre an. Für weitere 48 Stunden ist der Verkehr und die Bewegung von Fußgängern vollständig verboten. Alle Geschäfte und Bäckereien, die bisher für den lokalen Bedarf geöffnet waren, sind ebenfalls geschlossen worden. Das Ministerium kündigte in einer Erklärung an, dass es Vorschläge von Gouverneuren und unabhängigen lokalen Verwaltungen erörtert und einen Bericht mit neuen Anweisungen im Zusammenhang mit dem Verbot, dass am Montagmittag enden sollte, herausgeben wird. Das Coronavirus hat weltweit über 1,2 Millionen Menschen infiziert und mehr als 70.000 getötet, so die von der Regierung gemeldeten Daten der Johns Hopkins University. Die tatsächlichen Zahlen könnten aufgrund unzureichender Testmöglichkeiten oder unzureichender Berichterstattung dramatisch höher ausfallen.



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COVID-19 im Irak – Regierung verschweigt Tausende Infizierte

Das ansteckende Virus COVID-19 wütet weiterhin auf der ganzen Welt. Besonders verheerend trifft es Nah-Ost-Staaten. Im Irak wurden bisher 772 Fälle von Infizierten gemeldet. Doch berichten zufolge sei diese Zahl nicht korrekt.

Drei irakische Ärzte die im Kampf gegen das Virus in Baghdad stationiert sind erklären, dass die Zahlen nicht stimmen. Nach Schätzungen der Ärzte sollen mindestens 9.000 Menschen angesteckt sein. Eine weitere Quelle die anonym bleiben möchte erklärt, dass allein in Baghdad mehr als 2.000 Menschen am Virus erkrankt sind. Die Personen die sich gegen den verfälschten Bericht der irakischen Regierung aussprechen, arbeiten täglich im Kampf gegen die Pandemie und geben basierend ihrer täglichen Erfahrungen eine stark unterschiedliche Einschätzung der aktuellen Lage im Irak ab.
Das irakische Gesundheitsministerium gib am Donnerstag einen Statusbericht raus. Darin wird berichtet, dass 772 Menschen am COVID-19 infiziert wurden und bisher 54 Menschen gestorben sind.

Es sei nicht ungewöhnlich das die irakische Regierung versucht die Zahlen zu verfälschen. Korruption und anhaltende Kürzungen von Geldern haben das Gesundheitswesen stark geschwächt und angreifbar gemacht.

Schon im Februar musste die irakische Regierung die Grenzübergänge zum Nachbarn Iran schließen. Iran ist besonders stark vom Virus betroffen aufgrund verfehlter und spät implementierter Sicherheitsvorkehrungen. Alle Handels- und Pilgerrouten wurden bis auf weiteres geschlossen. Offiziellen Berichten zufolge sollen über 53.000 Menschen im Iran infiziert und über 3.000 Menschen gestorben sein. Kritiker und Experten jedoch gehen von fünfmal höheren Zahlen aus als angegeben. Der Iran habe zu spät gehandelt und viel zu wenig getan. Ebenso wie China, Türkei und der Iran versucht der Irak die Zahlen zu verfälschen.



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Corona in den Zeiten von Diaspora und Heimat

Ich hätte wirklich nicht erwartet, dass ich einmal in meiner Heimat, der Kurdistan Region im Irak (KRI) sitzen werde und mir Sorgen um meine Eltern in Deutschland machen muss. So ist es nun aber gerade.

Vor ungefähr zwei Wochen kam ich in die Heimat um mir einen Monat Auszeit zu nehmen, mit der Familie zu sein und etwas Ruhe zu haben. Ruhe vor all den grausamen Nachrichten, wie etwa dem Terroranschlag von Hanau, der jetzt ja in Vergessenheit geraten ist. Zu meiner Ankunft Anfang März habe ich meine Vorkehrungen getroffen, Desinfektionsmittel und -Tücher eingepackt (standesgemäß einiges davon um auch genug an die Verwandten zu verteilen) und habe mich auf den Weg gemacht. Während ich am Frankfurter Flughafen panische Gesichter sah, die sich hinter Gesichtsmasken versteckten und mit diesen sogar in Raucherabteile gingen, wurde ich am Flughafen in Erbil ganz nüchtern mit einem Fiebermessgerät empfangen und stieß überall, ob auf Werbeleinwänden, im Fernsehen oder im Radio auf ganz ruhige Beschreibungen dessen, was grad los ist und was man tun kann.

Jetzt bin ich seit zwei Wochen hier und befinde mich den dritten Tag in der Ausgangssperre. Das ganze ist wesentlich undramatischer, als es sich anhört. Man darf zwischen den Regionen nicht reisen, darf in der Stadt selbst nicht mit dem Auto unterwegs sein und alle Restaurants und Bars sowie Gebetsräume und Schulen sind geschlossen. Die Arbeit wurde komplett abgesagt und alle befinden sich im bezahlten Urlaub. Was noch offen hat: Supermärkte, Apotheken, Krankenhäuser sowie mobile Verkäufer, die auf ihren Pick-Ups Obst und Gemüse oder Gaskanister zum nachfüllen anbieten. Einkaufen war ich gestern erst und musste schmunzeln. Alle Regale sind voll, niemand geht in Panik einkaufen, man holt sich das was man braucht und wenn man mehr braucht, dann geht man eben nochmal in den Supermarkt.

Währenddessen erreichen mich die wildesten Nachrichten in Deutschland. Sprachnachrichten von irgendwelchen dubiosen Menschen werden weitergeleitet, die in einem süffisanten Raunen mahnen, dass bald alles dicht ist, dass man seine Einkäufe machen soll, dass er Verbindungen zur Regierung hat und weiß, dass bald alles dicht ist. Was „dicht sein“ heißt, erklärt uns der gute Mann nicht. Dass seine Sprachnachricht viele in Panik stürzt interessiert ihn wohl auch nicht. Videos sind im Umlauf von Menschen, die sich so derartig für Klopapier das Gesicht wegschlagen, dass man sich wünschen könnte, diese körperliche Tatkraft wäre auch im Kampf gegen Neonazis Gang und Gäbe. Es wird weiter geraunt, ja das habe ja alles System, das wäre ja fabriziert, wer hat diesen Virus wohl „zusammengemixt“. Ich stehe unweigerlich vor der einzigartigen Lage, dass eines der reichsten und entwickeltesten Länder dieser Welt gerade absolut nicht weiß, was es tun soll. Die Regierung ändert im Stundentakt die Meinung und hat viel zu spät und viel zu zaghaft zu Schließungen von öffentlichen Orten aufgerufen.

Klar, die Kurdistan Region ist ein präsidentielles System mit einem öffentlichen Sektor, der gigantisch ist. Politisch ist es wesentlich einfacher direkt einmal zu sagen, dass dies oder jenes getan werden soll, und dann wird das getan. Was jedoch auch in der schnellen Durchsetzung von Maßnahmen in Kurdistan ein ausschlaggebender Faktor war, ist der grausame Präzedenzfall des Iran, wo ein zwei Wochen verzögertes Eingestehen dieser Gesundheitskrise deutlich gemacht hat, dass politisches Versagen schwerer wiegen kann, als medizinisches Versagen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene denke ich jedoch, dass trotz aller systemischen Unterschiede eines deutlich ist: In Kurdistan würdest du niemandem die Nase einhauen um Klopapier abzugreifen. In aller Systemlosigkeit haben Menschen hier ein Grundverständnis von Solidarität, das es erlaubt, dass Leute eben nicht bunkern, weil nur diejenigen bunkern, die anderen eben nichts abgeben würden. In einer Gesellschaft, wo teilen selbstverständlich ist, ist bunkern sinnlos. Der einzelne Hamsterkäufer ist ja nur Spiegelbild der Atomisierung der spätkapitalistischen Gesellschaft. Was Informationspolitik angeht, ist es jedoch genauso: Einige religiöse Prediger haben sich den Moscheeschließungen widersetzt. Nur wenige Tage später wurde ein bekannter Prediger selbst krank, verstarb und infizierte zudem seine Frau und Kinder. Daraufhin war Ruhe an der letzten Querfront, die die Krankheitswelle runterreden wollte.

Allen war absolut klar: Informationspolitik ist nicht nur das, was ich als einzelne Person teile oder like. Informationspolitik beeinflusst Ansteckungsraten, Leben und Überleben. Selbst meine Großmutter, die nicht lesen und schreiben kann, kann mir ganz nüchtern sagen woher dieser Virus kommt, wie er sich verbreitet, und was man dagegen tun kann. Liegt diese anständige individuelle Informationspolitik daran, dass man hier intelligenter ist? Nein. Aber man weiß, dass Wissen Handeln bedeutet und, dass Handeln eben nicht nur dich selbst sondern alle was angeht. Wenn du aber dein Dasein in einem kapitalistischen System fristest, in dem es nicht darum geht mit Wissen dafür zu sorgen, dass möglichst viele sicher über diese Zeit hinwegkommen, dann kann es dir absolut egal sein, was deine Tweets besagen und woher sie kommen. Denn es geht ja nur um dich, darum, wie du dich präsentierst, darum, wie du dich inszenierst, ob als Leon Lovelock auf Youtube, der von einer Verschwörung schwadroniert, oder als vermeintlicher Chef-Whatsapp-Virologe, der abstrusen Unsinn verbreitet.

Was ich also gerade vor allem lerne: Nicht nur Konsum, sondern auch Wissen ist etwas, was kollektive Verantwortung mit sich bringt und das Maß dessen, wie wir uns kollektiv wahrnehmen beeinflusst wie wir individuell konsumieren und verbreiten, egal ob es Klopapier oder Gerüchte sind. Hier in Kurdistan weiß man, dass man sich beides nicht individualistisch leisten kann. Nicht mal jemand wie der genannte Prediger, der sich seiner Worte so sicher war und munter weiter gepredigt hat, war vor den Konsequenzen seiner Verantwortungslosigkeit sicher. In Deutschland braucht es wohl noch lange, bis man versteht, dass das auch nicht geht. Das hat nicht mit Wissen oder Reichtum zu tun, das hat damit zu tun, wie Gesellschaften sozialisiert sind und inwiefern sie ein Gefühl für Aktio und Reaktio ihres Handelns haben. Ich hoffe, wir gehen endlich klüger aus dieser Krise. Ich hoffe wir verstehen, wie allgegenwärtig die Krise der kapitalistischen Gesellschaftsform ist.

Bis dahin grüße ich euch aus Kurdistan, passt auf eure Liebsten auch und auch auf die Fremden in eurem Umfeld. Sie sind auch jemandes Liebste.

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Autorinfo: Dastan Jasim hat Politikwissenschaften und Assyriologie im Master an der Uni Heidelberg studiert und hat zu verschiedenen Bereichen der kurdischen Innenpolitik, des transnationalen Aktivismus, der Sicherheitspolitik und der Konfliktlage in den verschiedenen Teilen Kurdistans geforscht.



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