Analyse der geostrategischen Optionen der Kurden in Süd- und Westkurdistan

Experten gehen davon aus, dass bis 2040 aufgrund von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und schlechtem Wassermanagement die zwei großen Flüsse Mesopotamiens, Euphrat und Tigris, komplett ausgetrocknet sein werden. Schon jetzt machen sich die verschwindenden Wasserreserven bemerkbar und sind einer der wichtigsten, wenn auch nicht offensichtlichsten Gründe für die regionalen Konflikte. Es ist aber davon auszugehen, dass sich diese Konflikte massiv verschlimmern werden, wenn der Kampf um die unzureichenden lebensnotwendigen Ressourcen in den Vordergrund tritt.

Für die Kurdischen Kräfte bedeutet dies im Konkreten, dass sie noch etwa zehn bis fünfzehn Jahre Zeit haben, eine stabile Stellung unter den Kräften des Nahen Ostens zu bekommen. Andernfalls könnte dies ein Szenario vergleichbar mit dem Armenischen Völkermord oder schlimmer, bis hin zu totaler Diaspora, die dann aber auch kaum einen Weg nach Europa finden dürfte, bedeuten.

Das Hauptproblem, mit dem die Kurden im Nahen Ostens zu kämpfen haben ist die Aufspaltung in vier Unterdrückerstaaten, von denen zwei – Türkei und Iran – auch noch mit die wichtigsten regionalen Powerbroker sind und des Weiteren die Kurden von direktem Meereszugang abgeschnitten sind. Es hat sich bereits gezeigt, dass diese Staaten im Notfall auch trotz sonstiger Gegnerschaft kooperieren, um die Kurden zu besiegen. Trotzdem mussten bestehende Kurdische Kräfte auch unter anderem auf ökonomischer Ebene zusammenarbeiten, um bestehen zu können; Manche taten dies aus persönlichen Interessen vermutlich auch mehr als nötig.

Ein direkter Meerzugang für die Kurden, würde die Chance bieten eine unabhängige Wirtschaft aufzubauen. Derzeit ist die Autonome Region Kurdistan abhängig vom Irak, Iran und der Türkei. Die offenen Transferlinien der Türkei zur Autonomen Region Kurdistan, ist der Grund für den Großen Einfluss der Türkei auf Südkurdistan. Geschlossene Grenzen der drei angrenzenden Staaten – Irak, Türkei und Iran – würde bedeuten, dass die Autonome Region Kurdistan ausgehungert wird. Es käme einer Belagerung gleich die sich nicht halten könnte. Der Aufbau eines wirtschaftlichen Systems in allen Teilen Kurdistans ist essentiell für die Kurdische Freiheitsbewegung. Die Verfolgung dieses nachhaltigen Gedankens, verfolgte zum Beispiel die PYD/SDF in Syrien, mit dem Plan einen Korridor bis zum Mittelmeer entlang der türkischen Staatsgrenze zu schaffen. Letztendlich wurde die SDF daran gehindert, die Voraussetzungen für einen Post-Bürgerkrieg-Stabilitätsfaktor zu etablieren und damit auch die Voraussetzungen für das erfolgreiche Voranschreiten des Kurdischen Freiheitskampfes. Die Türkei hatte kein Interesse daran die Kurden in Syrien wirtschaftlich unabhängig werden zu lassen. Denn ein Korridor zum Mittelmeer würde den Einfluss der Türkei in irakisch-Kurdistan aufs mindeste Beschränken und Rojava und Bashur (Rojava = Westkurdistan, also der Teil Kurdistans der von Syrien besetzt wird; Bashur = Südkurdistan, der Teil der in Irak seine Autonomie innerhalb des Iraks etabliert hat) durch andere Handels- und Wirtschaftspartner rund um den Globus stärken. Das Resultat dieser unterbindenden Strategie der Türkei zum Schwächen der Kurdischen Bestrebungen ist die Afrin-Invasion und die Idlib-Bestrebungen der Türkei.

Nun ist es auch so, dass alle vier Staaten, wie zum Beispiel Türkei und Iran, wirtschaftlich und militärisch sehr mächtig sind, oder wie die Türkei von der NATO und Syrien von Russland unterstützt werden. Der Iran ist dabei derzeit sogar selbst in der Lage, Syrien und Irak zusätzlich zu unterstützen. Ebenfalls entwickelt sich die iranisch-russische Beziehung stetig weiter. Diese Machtstrukturen führen durch den damit gegebenen technischen Vorteil dazu, dass die Kurdische Befreiungsbewegung auf großer Ebene leider nicht auf internationale Unterstützer verzichten kann.

Derzeit konzentriert sich diese vor Allem auf die Beziehungen zu den USA sowie europäischen Ländern wie Frankreich und Italien. Man sollte sich jedoch im Klaren sein, dass diesem Bündnis aufgrund der NATO-Mitgliedschaft der Türkei, der strategischen Wichtigkeit des Landes, insbesondere durch die Lage am Bosporus sowie der Erpressungsmöglichkeiten auf europäische Staaten durch den Flüchtlings-Deal Grenzen gesetzt sind. Das heißt im Konkreten, dass sich diese Staaten im Zweifel auf die Seite der Türkei schlagen werden, geschehen unter Anderem bei der Invasion Efrîns. Das ein etablierter Staat einer Volksgruppe, die sich nicht mal untereinander Einig ist, vorgezogen wird ist ein logischer Schluss. Immerhin besitzt die Türkei eine Wirtschaftlichkeit und bietet viele Möglichkeiten für Investoren. Während eine Volksgruppe De-Jure keine Gewalt über die von Ihnen bewohnte Fläche hat. Die Nähe zu europäischen Staaten und der Zugang zum Mittelmeer erleichtern den Willen zur Kooperation für europäische Staaten mit der Türkei. Besonders Staaten die sich in einer wirtschaftlichen Krise bzw. Pre-Krise befinden, wie zum Beispiel Großbritannien, dass durch den Brexit aus der EU austritt, versuchen durch den Verlust des Zugangs zum freien europäischen Markt dadurch auszugleichen, dass sie sich alternative Wirtschaftspartner und Investitionsmöglichkeiten suchen.

Zwischen den europäischen Staaten gibt es dabei noch einmal Unterschiede. So versucht Frankreich zunehmend, als internationaler Sicherheitsgarant aufzutreten und ist dabei, seine Beziehungen zu den Kurden auszubauen. Durch seine etwas größere Entfernung zu der Türkei kann es die Drohungen der Türkei, den Flüchtlings-Deal aufzulösen auch eher ignorieren, ähnlich wie Italien oder Spanien. Mit diesen Staaten könnten durch geschickte Verhandlungen zumindest bis zu einem gewissen Grad effektive Allianzen aufgebaut werden. Schwieriger gestaltet es sich mit Staaten wie Deutschland oder Großbritannien, in denen relativ viele türkische Bürger leben und die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Türkei pflegen. Einen Sonderfall bilden Griechenland und Zypern, die eine tiefsitzende historische Feindschaft zur Türkei pflegen. Im Falle der wirtschaftlichen Erholung dieser Staaten sowie einer Beruhigung der Flüchtlingsproblematik könnten hier verlässliche Partner gewonnen werden, auch wenn sie nicht so mächtig sind wie manche andere Länder. Ebenso ist Österreich ein Sonderfall. Ihre merkliche Abneigung gegen die jüngst auftretenden politischen Entwicklungen der Türkei und der Ausbau autoritärer Strukturen, halten die österreichisch-türkischen Beziehungen in Atem. Österreich ist innerhalb der NATO und der EU der größte Gegner der Türkei. Im letzten europäischen Votum über das Vorantreiben der türkischen Eintrittsgespräche in die EU, hatte sich nur Österreich dafür ausgesprochen die Verhandlungen komplett abzubrechen. Einem Statement nach, sei die Türkei durch den Ausbau ihrer autoritären Strukturen, der Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit und der Übertretungen von Menschenrechten, nicht dazu geeignet und berechtigt Teil der Europäischen Union zu sein. Durch den Ausbau von Kurdisch-Österreichischen Beziehungen kann hier ein wichtiger und starker politischer Freund gefunden werden. Ein politischer Unterhändler für die Kurdisch-europäischen Beziehungen der im Gegensatz zu den diktatorischen Bestrebungen der Türkei steht.

Der faktisch wichtigste Partner der Kurden sind die USA auf der anderen Seite des Atlantik. Mit der Irak-Invasion und der daraus resultierenden Freiheit und Eigenständigkeit der Kurden im Irak, haben die US-Amerikaner seit jeher die Sympathie der Kurden für sich gewonnen. Diese Freundschaft zwischen den Kurden und der US-Regierung zeigt sich vor allem durch mehrere Basen der US-Streitkräfte im Kurdischen Autonomiegebiet, gemeinsame Militärübungen und Operationen und der Zusammenarbeit im Kampf gegen den „Islamischen Staat“. Die größte Schwachstelle in dieser Beziehung liegt aber in der geringen Tragweite des Kurdischen Einflusses, ihrer minderen wirtschaftlichen und politischen Stabilität und den großen Erwartungen der USA in ihrer Bestrebung den Nahen Osten durch ihren Einfluss komplett zu kontrollieren. Hauptgegner im Kampf um mehr Einfluss sind Russland und Iran. Für die US-Regierung haben die Kurden zu geringe Macht im Nahen Osten, als das sie ihren Bestrebungen dienlich sein könnten, weshalb eher existierende Staaten weitaus interessantere Partner sind als das Kurdische Autonomiegebiet.

Aber auch durch schlechtes strategisches Denken haben die USA ihren Einfluss im Nahen Osten gemindert. Durch die fehlende dominante US-Diplomatie haben die Vereinigten Staaten die Chance verpasst, Irans und Russlands Einfluss zu brechen. Der Ausschlaggebende Punkt ist die Unterstützung der „Syrian Democratic Forces“ – Kurz SDF – welche eher zurückhaltend betrieben wird. Auch die zum Teil fehlende Unterstützung der Autonomen Region Kurdistan, waren der Kurdischen Freiheitsbewegung nicht dienlich. Dadurch das es den Kurden nicht gelungen ist gute Lobbyarbeit zu betreiben, gelang es der Türkei, durch den Segen der USA, in Syrien einzumarschieren und die vorher schon durch die SDF vom IS befreiten Regionen, zu besetzen und den Kurdischen Einfluss zu stoppen. Als NATO-Mitglied, wird die Türkei also weiterhin stärker bevorzugt werden, als die Kurden. Durch die fehlende politische Stärke der Trump-Administration wird die Sympathie zu den US-Werten und die Freundschaft der Kurden nicht genug gewürdigt, wodurch die USA einen wichtigen Einflussfaktor verlieren und die Kurden keinen verlässlichen Verbündeten bekommen.

Wie also gestalten sich Bündnismöglichkeiten außerhalb der NATO-Staaten? In der arabischen Welt dürfte es schwierig werden, Partner zu finden, da die Staaten meist entweder den Kurden feindlich gegenüberstehen oder wie Ägypten mit inneren Problemen beschäftigt sind. Saudi-Arabien hat bereits zu gewissem Grade eine Bündnisbereitschaft angedeutet, hierbei besteht aber immer auch die Gefahr, dass man sich dadurch zu sehr in die Sunni-Schia-Konfliktlinie ziehen lassen könnte, insbesondere, da Saudi-Arabien teilweise für die Ausbreitung von Salafisten verantwortlich ist und eine fast katastrophale strategische Politik fährt, die trotz massiven Investitionen fast in allen Staaten gegen die Wand fährt. Die innenpolitischen Spannungen des Landes sind zudem ein Faktor, der für eine steigenden Instabilität des Staates spricht. Weshalb Saudi-Arabien zwar ein, zu gewissen Graden, verlässlicher Partner sein kann, diese Partnerschaft jedoch nicht von Dauer sein wird.

Regionale Staaten wie Georgien und Armenien stehen der Kurdischen Befreiungsbewegung zwar eher freundlich gegenüber, geben sich aber gleichzeitig Mühe am Anschluss an Europa zu arbeiten und nicht in die Konflikte des Nahen Ostens hineingezogen zu werden. Insbesondere Armenien ist durch die Bedrohung Aserbaidschans auf Artsakh wohl fast vollständig auf die eigene Verteidigung ausgerichtet. Eine wichtige Möglichkeit könnte die Zusammenarbeit mit Israel darstellen, da Israel keine Verbündeten in der Region hat und praktisch von Feinden umringt ist. Gleichzeitig ist Israel sowohl ein wohlhabender als auch ein militärisch schlagkräftiger Staat. Insgesamt bieten sich in der Zusammenarbeit mit Israel fraglos bedeutende und realistische Chancen. Als einziger Staat hat sich Israel bei dem Referendum um die Unabhängigkeit der Autonomen Region Kurdistan im Irak, für einen Kurdischen Staat ausgesprochen. Die Israel-freundliche Einstellung der Kurden und ähnliche Situation bilden hierbei den Faktor für eine mögliche enge Freundschaft auf politischer und militärischer Ebene. Durch die zunehmende Israel-feindliche Stimmung der Türkei und die iranische Rivalität, ist Israel mehr als nur interessiert an einem Kurdischen Staat und somit einem Stabilitätspuffer im Nahen Osten. Die antagonistische Haltung der Türkei und des Irans zu den Kurden und Israel, bieten deshalb ideale Voraussetzungen für eine dichte politische Zusammenarbeit. Ebenso wie die USA, ist Israel interessiert daran den iranischen Einfluss aus Irak und Syrien zu drängen. Weshalb eine Zusammenarbeit mit den Kurden nötig ist. Die Kurdische Freiheitsbewegung sollte eine Strategie entwerfen, mit der sie Israelisch-Kurdische Beziehungen stärken, sie aber nicht auf kosten des Islams aufbaut, um andere muslimische Staaten nicht zu einer ebenso großen antagonistischen Haltung zu zwingen, wie es die Türkei und der Iran schon sind.

Es bleiben nun noch die Perspektiven bei bedeutenden Weltmächten wie Russland, Indien und China zu besprechen. Russland hat im Syrienkrieg als Verbündeter al-Assads bewiesen, dass es als loyaler, schlagkräftiger und stoischer Verbündeter auftreten kann. Als geopolitischer Gegenspieler der USA müsste man aber für ein theoretisches Bündnis mit Russland von den Amerikanern abrücken. Selbst dann würde sich aber noch die Frage stellen, ob Russland an diesem Bündnis überhaupt interessiert wäre. Indien und China sind als neue geopolitische Aufsteiger bislang noch nicht sonderlich offensiv aufgetreten. Der Konflikt im Chinesischen Meer kann daher als erstes Muskelspiel angesehen werden und könnte das Startsignal für weitere internationale Operationen bedeuten. Auch hier ist aber das Problem, dass sich China eher als Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten betrachtet, im Nahen Osten bislang keine deutlichen geostrategischen Interessen gezeigt hat und wohl tendenziell die Zusammenarbeit mit etablierten Partnern vorziehen wird. Auch Indien hat bislang kaum größere internationale Operationen getätigt. Durch die Feindschaft mit Pakistan, das im weiteren Spektrum zur Achse Erdogans gezählt werden kann, sind hier zumindest tendenziell Sympathien vorhanden. Wenn es Kurdische Autoritäten schaffen, an diesen anzusetzen und schlau verhandeln, könnte hier ein wichtiges Bündnis entstehen. Da Indien auf der geopolitischen Bühne noch unerfahren ist und kaum eine unverantwortliche Arroganz wie die USA an den Tag legen wird, kann davon ausgegangen werden, dass Indien als verlässlicher Verbündeter handeln würde, was zusammen mit der dahinter stehenden militärischen Stärke ein gewaltiger Vorteil für die Kurdische Bewegung wäre. Die Schwierigkeit dürfte hier darin bestehen, Indien von einer aktiven Außenpolitik zu überzeugen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kurdische Befreiungsbewegung trotz mächtiger Gegenspieler wie Türkei und Iran und begrenzt loyaler Verbündeter auf internationaler Ebene trotz alledem Perspektiven hat, die mit intelligent geführten Verhandlungen aktiviert werden könnten. Im Weiteren sind kommende großflächige innere Streitigkeiten in Türkei und Iran nicht auszuschließen, was eine gewaltige Chance entstehen ließe. Ein Ausschluss der Türkei aus der NATO ist eher unwahrscheinlich, würde aber auch bedeutende Möglichkeiten entstehen lassen, die die Etablierung eines Kurdischen Staates ermöglichen könnten. Grundlegend hierfür ist dabei die Einigkeit der verschiedenen Parteien nach außen sowie die Bekämpfung von Korruption und Kollaborateuren. Im Innern kann und wird es natürlich immer Meinungsunterschiede zwischen den Parteien geben; diese sollten sich aber auf eine politische Arena beschränken und nicht die militärische Einigkeit gefährden. Im Endeffekt bleibt die Zukunft natürlich trotz alledem sehr unberechenbar, aber es kann nicht schaden, sich über mögliche Strategien Gedanken zu machen, wenn man längerfristig in den Machtstrukturen des Nahen Ostens überleben möchte.

Ein Beitrag von Passar Hariky und Manuel Kammermüller
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