Kurdische Fürstentümer und wo sie zu finden sind

„Kurdistan gab es nie und wird es nie geben!“ – Wenn die Kurden jedes Mal einen Cent bekommen würden für diesen Satz, wären alle Kurden auf der Welt die reichsten Menschen auf der Welt. Doch die Aussage ist doppelt falsch. Nicht nur gibt es ein offizielles Kurdistan als anerkannte föderale Region im Irak, Autonome Region Kurdistan, sondern auch gilt Kurdistan als nicht-staatliches Siedlungsgebiet der Kurden. Also gibt es nichts Falsches daran zu sagen „Ich komme aus Kurdistan.“. Doch selbst wenn wir uns die staatliche Perspektive anschauen, finden wir erstaunlich viele kurdische Fürstentümer, die noch bis zum 19. Jahrhundert ihre Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit bzw. Autonomie innerhalb eines Reiches besaßen.

Zu den größten und bekanntesten kurdischen Nationen gehören: Ardalan, Baban, Bahdinan, Bitlis, Bohtan, Hakkari, Mokryan und Soran.

Teilweise sind die Fürstentümer 400-600 Jahre alt geworden und haben weiterhin einen großen Impakt auf die kurdische Gesellschaft. Nicht nur haben sich die verschiedensten kurdischen Dialekte gebildet und etabliert, sondern ebenfalls sind die einzigartigen kulturellen Ereignisse immer noch eine signifikante Prägung innerhalb der lokalen Gesellschaft der heutigen Regionen.

So kennt jeder den Gorani-Dialekt aus Ardalan und deren enorme Wirkung auf kurdische Literatur und Musik. Ebenfalls ist der Yarsan-Glaube in Ardalan einzigartig.

Oder wir schauen voller Begeisterung auf das Fürstentum Baban und deren Einwirken in die kurdische Kultur mit der Kulturhauptstadt Silemani die erst 1784 gegründet wurde.

Auch interessant ist die Stammes Föderation der Rojaki im Fürstentum Bitlis die zusammen den Georgischen König David III. besiegten und die Region Bitlis eroberten.

Eine Gesellschaftliche Relevanz in Bashur und Rojhilat (Süd- und Ostkurdistan) haben die Adelsgeschlechter der früheren Fürstentümer. Noch heute gibt es diese und haben mehr oder weniger noch breiten Einfluss auf ihre Regionen. Die Ardalani in Ardalan, die Ziyoki in Bahdinan, die Mokri in und um Urmia oder die Nachfahren der Rojaki-Fürsten von Bitlis. Dabei spielen diese kurdischen Adelsgeschlechter nicht nur eine politische Rolle und halten den Einfluss in ihren Händen, sondern auch geistlich-religiöse Zwecke erfüllen diese Familien.

Rojava News wird von Zeit zu Zeit einiger dieser alten Fürstentümer euch vorstellen. Geschichte ist für uns ein wichtiges Thema und wir möchten unseren Lesern einen Einblick in die Vielfalt und Tiefe der kurdischen Geschichte gewähren. Dieser Artikel ist eine Kurzeinführung für eine Serie an Artikel, die sich durch die kurdischen Fürstentümer des 19. Jahrhunderts zieht.

16. Mai 1997 - Das Massaker von Hewler

In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1997 ist das türkische Militär mit 200.000 Soldaten und 10.000 „Dorfschützern“ - unterstützt von Kampfflugzeugen und Artillerie - in Südkurdistan (Nordirak) einmarschiert. Das türkische Militär und die damalige türkische Koalitionsregierung von Wohlfahrtspartei (türk. Refah Partisi) und Partei des Rechten Weges (türk. Doğru Yol Partisi) bezeichneten diese Operation als die größte Militäroperation, die in die türkische Geschichte einging. Diese Militäroperation war bis zu diesem Tag gleichzeitig auch der 19. Einmarsch des türkischen Militärs in Südkurdistan.

Bereits im Vorfeld des Einmarsches wurden die Grenzgebiete zum Irak und Iran flächendeckend bombardiert, wobei zahlreiche Dörfer in den Gebieten Haftanin, Sinath, Derkar, Gare u.a. zerstört wurden, sodass tausende BewohnerInnen flüchten mussten.
Vor Beginn des Einmarsches gaben die südkurdischen Parteien, die Patriotische Union Kurdistans (PUK) und die Demokratische Partei Kurdistans (KDP), durch ihre Medien bekannt, dass sie sich bei den Operationen gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nicht auf die Seite des türkischen Staates stellen und sich aus den Gefechten raushalten werden. Sie erklärten, dass sie nie wieder ihre Waffen gegen eine andere kurdische Organisation erheben werden. Das kurdische Volk forderte ein Ende des Brudermordes (Birakûjî) und rief zu einer Einheit auf.

Doch die KDP hielt ihr Wort nicht und beteiligte sich aktiv an der sogenannten „Hammer-Operation“ des türkischen Militärs gegen die PKK. Die Teilnahme der KDP beschränkte sich nicht nur auf die Gefechte, sondern griff über auf die Städte in Südkurdistan. So wurde am zweiten Tag der Invasion, am 16. Mai 1997 ein Krankenhaus des Kurdischen Roten Halbmondes namens „Stiftung für das Leben und den Aufbau Kurdistans“ (kurd. Dezgay Jiyan û Awedan, DJAK) für Verletzte der PKK und viele andere Einrichtungen der PKK-nahen Organisationen, wie z.B. Parteibüros der YNDK (Nationaldemokratische Einheit Kurdistans), der YAJK (Verband der Freiheit der Frauen Kurdistan), das Mesopotamia Kulturzentrum, das Büro der Zeitung Welat (Heimat) und Welatê Roj (Die Heimat der Sonne) in der Stadt Hewler von schwerbewaffneten KDP-Milizen überfallen. Alleine im Krankenhaus für Verletzte der PKK ermordete die KDP 62 verletzte und kranke PKK-KämpferInnen. Insgesamt haben KDP-Milizen 83 PKK-Mitglieder ermordet.

Dieses schwarze Ereignis ging in die kurdische Geschichte als „das Massaker von Hewler“ ein. Das Lied „Hewlêr“ von Hozan Serhad - einer der populärsten Künstler der kurdischen Guerilla-Musik - ist an das Massaker vom 16. Mai 1997 in Hewler gewidmet.

Ein Beitrag von Ismail Zagros
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